Montag, 24. Oktober 2011

Ewigkeitsbüro III: Sexy bleiben mit Abba, Häuserbauen gegen das Erkalten des Universums, und: Wer ist schon Sasha Waltz?


Die Studenten des Counter Entropy-Hauses der RWTH zu Gast im Ewigkeitsbüro

Das Schöne an unmöglichen Projekten ist ja, dass man damit scheitern muss , dabei aber jede Menge toller Fragen findet.



Heute war ein Studententeam der RWTH hier, Architekten, Bauingenieure, Maschinenbauer, Idealisten, die am Counter Entropy Haus arbeiten. Weil wir vom Theater sind, können wir gar nicht anders, als Begriffen auf den Grund zu gehen, und deshalb halte ich fest: Entropie ist das Ergebnis der stetigen  Abkühlung des Universums, Sie wissen schon, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, wegen des universalen Temperaturausgleichs wird alles immer kälter, bis alle Bewegung gestoppt ist. Am Endpunkt dieser fatalen Entwicklung steht dann tatsächlich ein energetisches Gleichgewicht der Natur (aber ob es dieses Gleichgewicht ist, von dem die Öko-Esoteriker immer sprechen, wage ich zu bezweifeln, denn bis zur Erlangung dieses Gleichgewichtes ist "die Natur" ja gerade ein hochdynamisches System. Wenn sie aber in dem Gleichgewicht ist, das alle immerzu zum Idealzustand verklären, ist sie, lasst es euch gesagt sein: tot. Und sehr, sehr kalt. Genaugenommen so kalt, wie sie überhaupt nur sein, nämlich bei  -273,15 ° Celsius, oder zumindest verdammt nah dran, siehe den Dritten Hauptsatz der Thermodynamik . So gesehen ist der Klimawandel vielleicht doch keine so schlechte Idee, denn er ist ja so etwas wie der empirische Gegenbeweis des zweiten Satzes der Thermodynamik. Demnach müsste man also eigentlich MEHR Kohle verbrennen, und schon wird das Universum wieder ein Stück wärmer. Mit Kohle gegen die Ewigkeit, sozusagen.)
"Counter Entropy" wäre dann jedenfalls der Versuch, das  allmähliche Erkalten des Universums aufzuhalten. Das ist so sympathisch, so größenwahnsinnig, so aussichtslos, dass man es unbedingt versuchen muss.

Wir haben da natürlich genauer nachgefragt, aber leider geht es dann doch nicht darum, mit Häusern die Erkaltung des Weltalls zu verhindern.

Schade, eigentlich. Es hätte so was Rührendes.

Ziel ist natürlich, bei Hausbau dem Entropieanteil der Energienutzung, d.h. der Wärme, die ungenutzt an die Umgebung abgegeben wird, entgegenzuwirken.

Häuser aus Abfall
Deshalb ist das Projekt tatsächlich hochspannend und eng mit unserem verwandt: Denn im Kern handelt es sich wie bei uns um einen Selbstversuch, in dessen Ergebnis der CO2-Ausstoß nach selbst auferlegten Regeln reduziert wird: Das Studententeam will für einen Architekturwettbewerb in Madrid ein klimaneutrales Haus bauen. Im Kern läuft der Wettbewerb darauf hinaus, dass alle Energie, die das Haus braucht, solar erzeugt wird.
Zusätzlich zu diesen bereits hohen Anforderungen stellen sich die Aachener CounterEntropisten aber zusätzlich selbst die Aufgabe, auch schon die Herstellung klimaneutral zu gestalten, und das ist das Innovative ihres Ansatzes - mit allen Schwierigkeiten, die das mit sich bringt. Diese Aufgabe  ist riesig, und das insgesamt 50köpfige Team stößt allerorten an Grenzen, an die des Baurechts ebenso wie die des Teambuildings.

Das Spannende ist, dass sie bei ihrem  Versuch, ein klimaneutrales Haus zu entwerfen, dieselben Fragen und dieselben strukturellen Probleme haben wie wir.

Die Grundidee der CounterEntropisten war, ein Haus aus Abfallprodukten zu bauen, bei dem die Werkstoffe so zusammengebaut werden, dass sie am Nutzungsende des Hauses wieder komplett lösbar sind - so dass der Abfall am Ende wieder Abfall wird, aber nicht zu Sondermüll verleimt wird, wie es sonst bei Abfall-Recycling üblich ist. Und auch beim Hausbau: etwa bei Brettschicht-Häusern, die als ökologisch gelten, in Wirklichkeit  aber als Sondermüll enden, weil die Verbundbaustoffe nicht mehr zerlegbar sind. 

Die Grundfrage, vor der die CounterEntropisten stehen, ist wie bei uns: Wie weit wollen wir gehen? Denn wie bei uns am radikalen Ende  des Gedankens die Obdachlosigkeit als Idealform klimaneutralen Lebens steht, wäre das perfekte counterentropische Haus das Laubdach im Wald. Und tatsächlich diskutiert das Team kontrovers die Frage, ob man dem fertigen Haus ansehen soll, dass es aus Müll gebaut wurde, oder ob es nicht doch eher wie ein schicker Yuppie-Traum wirkt, dem man die recycelten Materialen nicht mehr ansieht.
Und wie wir haben sie anfangs umfangreiche Klimabilanzen aufgestellt, bis hin zur Berechnung, wieviel Lampen bei  den Projekttreffen wie lange leuchten , wessen Computer wie lange lief und was das für die CO2-Bilanz bedeutet - all das sollte mit eingerechnet werden.

Die praktischen Probleme killen den Idealansatz wie bei uns: Hätten sie das tatsächlich alles mit einfließen lassen, hätten sie sich aus dem Wettbewerb geschossen. (Wir dagegen wissen seit heute, dass wir tatsächlich CO2-frei sein werden. Siehe hier.)

Utopisten und das Öko-Prekariat
Philipp weist auf die strukturellen Gruppenähnlichkeiten hin: Bei den CounterEntropisten wie bei uns bilden sich die Frontlinien im Team zwischen Pragmatikern und  Idealisten, zwischen Realisten und Utopisten, zwischen den Intellektuellen und dem Prekariat. Wobei das Prekariat bei uns inzwischen dabei ist, den Kühlschrank abzuschaffen, aber dazu später.


Und auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Unterfangens stellt sich auf radikale Weise: Einer der Architekturstudenten, berichtet von einer Case-Study, die in Studentenwohnheimen durchgeführt wurde mit dem Ergebnis, dass nicht der Bau, sondern das Verhalten der Bewohner das Klimaproblem sei: Selbst wenn eine Studentensiedlung Energie-autark gebaut würde, wären die Bewohner so verschwenderisch im Umgang mit den Ressourcen, dass der Spareffekt, den die Bauweise erzielen könne, nicht mehr ins Gewicht fiele.

Philipp schlägt eine Arbeitsteilung vor: die CounterEntropisten seien für die Häuser zuständig, und wir für die Verhaltensänderungen. Dabei grenzt er sich gegen diejenigen aus unserem Team ab, die gleich eine komplette Weltrevolution anstreben: Ihm würde es völlig reichen , wenn  4-5 Leute nach dem Theaterabend kämen und sagten, ihr  Verhalten habe sich verändert in ein oder zwei Punkten - dann habe er etwas erreicht.

Mit ABBA gegen den Klimawandel, und: Eine neue Form des Containerns
Von der Schlammhütte bis zum Hochglanzprojekt reichen die Entwürfe des Hauses, mit verschiedensten Materialen wurde probiert, und wie bei uns ändert sich das Projekt permanent und immer wieder stehen Grundsatzentscheidungen in Frage.
Das fängt bei den Materialien an. Gesucht wurde ein Material, auf das sich alle einigen konnten. Das Problem dabei ist, dass das Baurecht die Verwendung von alternative Materialien systematisch ausschließt: Die ursprüngliche Idee, Zeitungsrollenkerne aus Pappen für die Träger zu verwenden, ließ sich nicht realisieren, weil "kein Statiker der Welt das abnehmen würde". Aber auch ästhetische Gründe spielen eine Rolle:  ausgediente Computertastaturen schieden aus, denn: "Das sah einfach Scheiße aus." Schallplatten waren zu dunkel, und außerdem hat niemand aus der Studentengeneration mehr Schallplatten.

Statt dessen also jetzt CDs: Im Moment ist der Stand, dass die Fassade aus alten CDs gebaut werden soll, die man aber nicht mehr als CDs erkennen wird. Der Denn jeder Student habe Massen davon rumliegen , benutze sie aber nicht mehr , weil jetzt alles über MP3-Player laufe, und die Rohlinge eigentlich nur noch weggeschmissen werden können.
Philipp hakt schlau ein, ob denn dafür neue CD-Rohlinge gekauft würden, aber so kann man den CounterEntropisten natürlich auch nicht kommen: Gerade heute hätten sie einen Aufruf an alle Studenten der RWTH gestartet, ihre alten CDs mitzubringen.
Unsere Expertin für fast alles, Anke Stöppel, verweist sofort auf die CD-Sammelstelle der VHS am Bushof hin, gibt außerdem Tipps, wie man selbst Sammelstellen einrichten kann und reicht auch gleich den Link nach, der weitere Tipps zum Einrichten solcherStellen gibt. 
Daniela verweist auf den Theater-Container für CDs, und damit haben wir gerade eine neue Variante des Containerns erfunden: Äpfel waren gestern, heute klaubt man CDs aus Containern.
Übrigens schließen wir uns der Sammelaufforderung an: Bring eure CDs  mit zu den nächsten Ewigkeitsbüros, wir reichen sie dann an die RWTH weiter. Denn es stellt sich heraus, dass man für eine Hausfassade eine Menge von CDs braucht, die aufeinandergelegt einen Turm von 44 Metern Höhe ergeben würde.


Die Anforderungen sind dabei speziell: Die Datenträger müssen auf einmal statische Anforderungen erfüllen, Vogelkot abkönnen, Regenwasser abperlen lassen und hohen Druck aushalten.
Philipp fragt, ob die CDs bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllen müssten, oder ob man einfach jede nehmen können. Die Antwort war eindeutig: "Wir nehmen auch ABBA".

Fußballstadien zu Niedrig-Energie-Häusern
Für Innenmaterialien ruhen die Hoffnungen zur Zeit auf Alemannia Aachen, die im Moment ja eh schon schwer unter der Last der Erwartungen trägt. Aber genau um die Trägerqualitäten geht es: Denn die Träger vom alten Tivoli würden wunderbare Küchenzeilen oder Fußböden ergeben. Probleme mit der Statik gäb´s da nicht, aber auch hier tun sich unerwartete Klippen auf: Sie müssten erst auf schädliche Chemikalien überprüft werden.
Wir jedenfalls finden das Programm "Fußballstadien zu Niedrig-Energie-Häusern" großartig. Und dass die Alemannia eh ganz vorn dabei ist,  wenn es ums Recylcen geht, beweist sie hier.

Und auch auf die Photovoltaik-Frage vom letzten Ewigkeitsbüro gibt es eine Antwort: die hocheffizienten Anlagen haben hochschadstoffbelastete Produktionverfahren, deshalb habe man sich für eine weniger effektive, aber umweltfreundlichere Lösung entschieden. Es gäbe aber auch "organische Solarzellen" (zunächst war die Rede von einer Ziege auf dem Dach, aber ich glaube, das war ein Missverständnis), die  umwelt- und klimaneutral seien, leider aber am wenigsten effizient. - Die Photovoltaik-Experten des Teams waren leider nicht mit dabei, wir hoffen auf spätere weitere Auskünfte.

Aachen oder Madrid, egal, Hauptsache Italien
Es wird schnell klar, dass das Counter-Entropy-Haus der ideale Aufführungsraum für "Ein Jahr für die Ewigkeit" wäre, denn wenn das Vorhaben der Studenten gelingt, erfüllt er alle Anforderungen, die wir ursprünglich an unseren Bühnenraum formuliert haben. Und alle Fragen, die wir an den Raum stellten, tauchen auch beim Hausbau auf: Wie einen Raum beleuchten, wie beheizen, wie lüften, wie gestalten und aus welchen Materialen, um den selbstauferlegten Anspruch einzulösen? (Nur dass die CounterEntropisten, gefördert durch das Bundesinisterium für Wirtschaft und Technolgie und gepowert mit dem ganzen Know-How der RWTH natürlich ganz andere finanzielle  und fachspezifische Möglichkeiten hat als wir).

Prompt laden uns die CounterEntropisten ein, unser Theaterstück in Madrid aufzuführen. Ursprünglich hatten sie wohl an Sascha Waltz gedacht, aber inhaltlich passen wir natürlich wie die Faust in die Magengrube. Natürlich machen wir das sofort, die Gelegenheit, in einem wirklich von vorne bis hinten klimaneutralen Raum aufzuführen, können wir uns ja gar nicht entgehen lassen, wir bestehen aber darauf, es nur tun zu können, wenn wir mit dem Rad nach Spanien fahren, und klar ist auch: ganz so billig wie Sascha Waltz sind wir natürlich nicht.
Wir werden sehen, und wir werden berichten.


Und die CouterEntropen werden uns auf dem Laufenden halten: Im Ewigkeitsbüro im Februar oder März werden sie einen Zwischenbericht geben, wie weit sie mit ihrem Haus fortgeschritten sind. Wir sind gespannt.

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